Videoüberwachung hat „keine abschreckende Wirkung“

Hans-Peter Friedrich (CSU) möchte mal wieder mehr Videoüberwachung haben. Dazu hat sich der WDR mal in NRW umgesehen (Cache; sehr schön, dass sie dort direkt von Big Brother schreiben) und festgestellt, dass es derzeit nur zwei Videoüberwachungen in ganz NRW gibt: In Mönchengladbach und in Düsseldorf.

Die Überwachung in Düsseldorf hat sich der WDR genauer angesehen. Täglich ab 15 Uhr bis in die frühen Morgenstunden wird die Bolkerstraße in der Düsseldorfer Altstadt überwacht. Ein Polizist guckt sich die Bilder der Kameras an und alarmiert seine Kollegen, wenn sich Auseinandersetzungen oder Straftaten anbahnen. Zusätzlich werden die Bänder 14 Tage lang gespeichert, bei Straftaten länger.

Der Düsseldorfer Polizeisprecher Andreas Czogalla gibt aber zu, dass das Projekt nur erfolgreich ist, weil die Wache recht nah an der Bolkerstraße steht und die Polizisten daher im Schnitt 40-50 Sekunden brauchen, um vor Ort zu sein:

„An anderen Stellen des öffentlichen Raums wäre eine solche Prävention trotz Videokameras nicht möglich, weil wir viel länger bräuchten, um eingreifen zu können.“

Und weiter:

„Die Kameras haben keine abschreckende Wirkung“, stellt der Polizeisprecher jedoch klar, die Zahl der Straf- oder Gewalttaten im überwachten Bereich sei seit Beginn der Überwachung nicht gesunken. „Hier geht es darum, schnell intervenieren zu können.“ Noch in den vergangenen drei Jahren stieg die Zahl von 635 Vorfällen im Jahr 2009 auf 934 im Jahr 2011. Die bei Schlägereien und Auseinandersetzungen meist hochkochenden Emotionen, erläutert Czogalla den Anstieg, ließen die Beteiligten die Kameras meist vergessen.

Was die Täter die Videokameras auch vergessen lassen wird, dürfte der Alkohl sein. In der Altstadt und auf der Bolkerstraße sind zahlreiche Kneipen, die Täter dürften überwiegend also nicht mehr nüchtern sein. Wer betrunken ist, dem ist egal, ob da Videokameras sind oder nicht.

Der WDR hat aber auch noch ein anderes Beispiel: Der Friedrich-Wilhelm-Platz in Aachen wurde von September 2008 bis zum Herbst 2010 per Video überwacht.

Die Zahl vor allem der Taschendiebstähle auf dem Platz sei daraufhin im ersten Jahr um 14,4 Prozent gesunken. Ein weiteres Jahr später waren die Fallzahlen um weitere 17 Prozent gesunken, sodass „nach Polizeigesetz keine Rechtfertigung mehr bestand, die Videoüberwachung aufrechtzuerhalten“.

Wir halten also fest: Videoüberwachung hilft gegen Taschendiebstahl, Gewalttäter halten Kameras aber nicht auf. Wer etwas anderes sagt scheint die praktischen Erfahrungen, die die Polizei bislang mit Videoüberwachung macht, gänzlich zu ignorieren. Auch die Krawalle in Großbritannien im letzten Jahr konnte die dortige flächendeckende Videoüberwachung nicht aufhalten oder gar vermeiden.

Dieses Memo muss jetzt nur noch der Friedrich kriegen, der die Videoüberwachung nämlich im Zusammenhang mit einem gewalttätigen Übergriff (mit leider tödlichem Ausgang) gefordert hat. Dieser Fall ist nach knapp zwei Wochen „zu weiten Teilen geklärt“ – aufgrund einer Zeugenaussage, ganz ohne Videoüberwachung.

3 Gedanken zu “Videoüberwachung hat „keine abschreckende Wirkung“

  1. Wikipedia sagt, die Bolkerstraße ist 300 Meter lang. Warum stellen sie ihren Polizisten nicht *in* die Bolkerstraße, statt Videokameras zu installieren und den armen Mann in einen Überwachungsraum zu setzen, wo er zugucken kann, wie sich die Leute abstechen, um gegebenenfalls Polizisten zu alarmieren, die dann zur Bolkerstraße fahren?

    Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, die Kameras mit ferngesteuerten Selbstschussanlagen auszustatten. Die hätten nach einer Weile ganz sicher eine abschreckende Wirkung, wenn sie nur oft genug zum Einsatz kämen.

    Aber vielleicht fehlt mir auch das kriminalistische Fachwissen, um die Situation kompetent beurteilen zu können.

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