Die Doppelmoral der Urheber

Ihr erinnert euch an die offenen Briefe in der Urheberrechtsdebatte letztes Jahr, die an jeder Ecke aufsprießen? Der Tenor war damals immer der gleiche: Wir sind Urheber (Musiker, Schauspieler, Drehbuchautoren etc.) und wollen, dass für unsere Werke auch bezahlt wird. Die Netzgemeinde™ hielt dagegen, dass Kultur frei nutzbar sein sollte und man neue Vergütungsmodelle finden müsste.

Jetzt habe ich gerade bei irights.info von einem neuen offenen Brief von Urhebern gelesen. Darin heißt es:

Die digitale Revolution und das Aufkommen des Internets machen eine Anpassung des Urheberrechts zwingend notwendig.

Letztes Jahr klang das noch so:

Die neuen Realitäten der Digitalisierung und des Internets sind kein Grund, den profanen Diebstahl geistigen Eigentums zu rechtfertigen oder gar seine Legalisierung zu fordern.


Doch genau das machen die unterzeichnenden Urheber (Musiker, Schauspieler, Drehbuchautoren etc.) des neuen offenen Briefes nun: Sie fordern, dass sie Zeitungs-Artikel über ihre Arbeit in voller Länge kostenlos auf ihre Websites kopieren dürfen.

Ja, richtig gelesen. Die Urheber fordern, dass Kultur Texte über ihre eigene Arbeit frei nutzbar sein sollten und die Journalisten neue Vergütungsmodelle finden sollen halt Pech gehabt haben, denn ohne Künstler gäbe es auch keine Kulturjournalisten.

Der Hintergrund ist, dass es wohl gerade Massenabmahnungen gegen das Zitieren voller Zeitungsartikel gegen Künstler gibt. Jetzt erleben Künstler also mal, wie es als „Urheberrechtsverletzer“ ist. Sie lernen die Gegenseite kennen, welche die Netzgemeinde™ schon seit über 10 Jahren kennt. Und fordern dann natürlich das, was eben auch die Netzgemeinde™ fordert: Freie Nutzung.

Besonders lustig finde ich das Argument, dass ohne den Künstler der Journalist nichts zu schreiben hätte. Stimmt. Aber was wäre dann? Dann würde der Journalist über irgendetwas anderes schreiben. Themen gibt es viele. Statt Vorstellung des örtlichen Theaterstückes gäbe es dann einen Bericht über den Kanninchenzüchter-Verein. Statt der Musikzeitschrift gäbe es dann mehr Landlust und Co.

Auch das Argument, dass wenn der Künstler die Zeitung erwähnt dadurch die Anzeigenverkäufe höher werden, halte ich für nicht haltbar. Nur weil ein Künstler einen Artikel aus der ZEIT zitiert, werde ich kein ZEIT-Abo abschließen oder die Einzelausgabe kaufen.

Natürlich kaufe ich ein Musikalbum auch nicht, nur weil ich einen Artikel darüber gelesen habe. Aber ich werde durch den Artikel überhaupt erst aufmerksam auf das Album, und wenn mich der dort beschriebene Inhalt des Albums interessiert, höre ich mir Hörproben an und kaufe das Album vielleicht sogar. Das schafft keine Werbeanzeige.

Somit stellen die Empfehlungen/Tipps/Rezensionen kostenlose Werbung dar (mit Ausnahme der Verisse – wobei es ja auch Trash-Liebhaber gibt). Wie viele Besucher ein Theater wohl weniger hat, wenn das aktuelle Bühnenstück in der örtlichen Zeitung nicht empfohlen wird? Ob ein Film wirklich gute Einschaltquoten erzielt, wenn er vorher nicht im SPIEGEL als Einschalt-Tipp steht? Verkauft sich ein Indipendent-Musikalbum ohne Vorstellung in einer Musikzeitschrift wirklich besser? Ich glaube: Nein, nein und nochmals nein.

Mir ist auch unverständlich, warum ein Link angeblich nicht ausreicht. Wer sich für die Kritiken über den Künstler und dessen Arbeit interessiert, wird den Link klicken. Man benötigt keinen ganzen Text. Dass man die Kritik durch geschicktes Auswählen der Zitate „deutlich verändern kann“, stimmt. Aber das, liebe Künstler, liegt ja wohl in eurer Verantwortung.

Jetzt, nachdem nach der Netzgemeinde™ auch die Urheber vorallem an ihre eigenen Vorteile denken, können wir uns ja vielleicht mal gemeinsam überlegen, wie wir ein Urheberrecht gestalten, welches allen zum Vorteil wird. Allerdings habe ich wenig Hoffnung, dass das in den nächsten Jahren passieren wird.

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