Mindestlohn im Praxistest

Zugegeben: Von Morgenmagazinen im Allgemeinen und vom „moma“ im Speziellen erwarte ich nicht gerade Qualitätsjournalismus. Trotzdem ist der Beitrag „Mindestlohn im Praxistest“, der am 19. November ausgestrahlt wurde („ARD-Woche“), doch sehr bemerkenswert.

moma-mindestlohn-reichenbach-640x360

Das fängt schon mit der Auswahl der Stadt an, in die sich „moma-Reporterin“ Susann Reichenbach (MDR) begibt: Halle an der Saale, „eine Stadt zwischen prunkvollem Marktplatz und sozialistischem Plattenbauten“ (O-Ton Reichenbach aus dem Off). Dabei sagen selbst Mindestlohn-Befürworter wie der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Möller, dass ein Mindestlohn in Ost-Deutschland wegen geringerer Produktivität weniger sein müsste als in West-Deutschland.

Es folgt die Befragung von Arbeitgebern: Ein Chef eines kleinen Restaurants sagt, er müsse die Preise erhöhen, könnte einen bald auslaufenden Arbeitsvertrag nicht mehr verlängern und müsste einem weiteren Mitarbeiter kündigen. Ein Friseur klagt, er habe die Preise schon erhöhen müssen, seitdem es den Mindestlohn für Friseure gibt – nun werden die Abstände zwischen den Friseurbesuchen größer. Bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro müsse er wieder die Preise erhöhen. Dass andere Friseur-Salons in Sachsen-Anhalt massiv tricksen, um den Mindestlohn zu umgehen, wird im Beitrag natürlich nicht erwähnt.

moma-mindestlohn-friseur-640x360

Auch bei weiteren Arbeitgebern aus verschiedenen Branchen wird nachgefragt, diese sagen aber nichts direkt in die Kamera. Reichenbach fasst aus dem Off zusammen:

Für einen Haarschnitt würde ich dann statt 24 plötzlich über 30 Euro zahlen? Für mich sieht es immer mehr so aus, als wollten viele die höheren Löhne einfach auf die Kunden umlegen.

Scharf beobachtet. Toll, wie suggeriert wird, dass der eigene Geldbeutel stärker belastet werden würde als vor dem Mindestlohn. Allerdings hinkt der Friseur-Vergleich: Bislang musste der Friseur die Preise ja erhöhen, ohne dass seine Kunden eine Lohnerhöhung hatten. Wenn nun die Kunden ebenfalls Lohnerhöhungen durch den Mindestlohn erhalten, haben sie auch mehr Geld zum Ausgeben. Das führt zu einer Umverteilung – wie man auch ganz einfach nachrechnen kann:

  • 4 Stunden * 5,50 Euro = 22 Euro
  • 4 Stunden * 6,00 Euro = 24 Euro
  • 4 Stunden * 7,50 Euro = 30 Euro
  • 4 Stunden * 8,50 Euro = 34 Euro

Derzeit muss man also mindestens vier Stunden arbeiten und sechs Euro pro Stunde verdienen, damit man sich den Friseurbesuch leisten kann. Bei einer Preiserhöhung auf etwas über 30 Euro müsste man bei einem Lohn von 8,50 Euro pro Stunde ebenfalls vier Stunden arbeiten. Der Preisanstieg klingt also viel dramatischer, als er in Wirklichkeit ist.

Interessant ist auch die Stelle über die Reinigungsfirmen. Reichenbach aus dem Off:

moma-mindestlohn-reinigung-640x360

Auch der Inhaber einer Reinigungsfirma erzählt mir, dass seine Putzdienste dann einfach teuer würden.

Gleichzeitig sieht man, wie ein Reinigungsmitarbeiter eine Glastür reinigt. Es stimmt zwar, dass es für „Innen- und Unterhaltungsreinigungsarbeiten“ in Ost-Deutschland einen Mindestlohn von nur 7,56 Euro gibt – doch ausgerechnet für die gezeigten „Glas- und Fassadenreinigungsarbeiten“ gibt es im Osten bereits einen Mindestlohn von 9 Euro (Stand 1. November 2013).

Natürlich muss man auch irgendwie noch einen Politiker vor die Kamera kriegen und so inszeniert man ein Zusammentreffen zwischen dem am Anfang gezeigten Restaurant-Chef Alexander Mahn und dem örtlichen SPD-Politiker und frischen Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby. Mahn ist „nicht wirklich“ überzeugt, dass eine Kommission über den Mindestlohn entscheiden soll. Es folgt die Abmoderation, zwischen der Idee der Politiker und der konkreten Umsetzung des Mindestlohns in kleinen Unternehmen würden Welten liegen. Die letzten Worte von Reichenbach aus dem Off:

Das hier und jetzt zu ändern, werden Karamba Diaby und Alexander Mahn nicht schaffen – aber sie diskutieren weiter über den Mindestlohn, bei einer Tasse Kaffee in Halle.

Von dem Inhalt dieser Diskussion erfährt der Zuschauer natürlich nichts – stattdessen sieht man die Protagonisten von außen durch die Glasfassade des Restaurants. Sollten spätestens jetzt Argumente für den Mindestlohn fallen, bleibt der Zuschauer davor zum Glück verschont.

moma-mindestlohn-kaffeerunde-640x360

(Screenshots: Das Erste)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.