Zitate aus der Beckmann-Sendung über PRISM

Ich schaue so gut wie nie Talkshows, aber die letzte Beckmann-Sendung „Der gläserne Bürger – ausgespäht und ausgeliefert?“ habe ich mir in der Mediathek angesehen (welche Idioten produzieren eigentlich Einspieler, die „aus rechtlichen Gründen“ online nur Audio-only sind?! Im Jahre 2013, wo nahezu jede Fernsehsendung mindestens zeitweise online gestellt wird?! Boar!).

Der Talk ist okay, Constanze Kurz kommt leider nur wenig zu Wort, dafür reden Frank Schirrmacher und Hans Leyendecker recht viel. Auch gab es in der Runde den Konsens, dass Snowden mehr oder weniger ein Held sei und über Gegen-Argumente wie „Ich hab doch nichts zu verbergen“ wurde gar nicht geredet. Spannend war die Sendung also nicht, trotzdem bin ich ganz froh, dass kein Politiker da war.

Fefe schrieb über die Sendung, sie sei „eine Goldgrube an schönen Zitaten“. Damit hat er recht. Und damit wir diese Zitate auch über die Depublizierung hinaus parat haben, habe ich hier mal einige notiert. Jeder Absatz ein Zitat. Viel Spaß.

Spring zu: Frank Schirrmacher / Ranga Yogeshwar / Constanze Kurz / Hans Leyendecker / Glenn Greenwald

Frank Schirrmacher:

Metadaten bedeuten nichts anderes, in der Weise wie wir das jetzt erfahren haben, als eine Landkarte sämtlicher sozialen Beziehungen einer Gesellschaft. Das heißt nicht nur wer mit wem, sondern auch: Wer ist im Zentrum? Von wo kommen Ideen? Wo ist ein Zentrum von Aktivität? Es stand unlängst zu lesen und das ist sehr richtig: Metadaten eines Chefs eines Dax-Unternehmens oder von General Electric, reichen aus, um an der Börse gute Gewinne zu machen. Weil Sie erkennen können aus den Metadaten, wo dieser Mensch sich bewegt hat, mit wem er kommuniziert hat, wo seine Pattern, seine Muster sich ändern. Das heißt, die Behauptung, Metadaten seien irgendetwas harmloses, ist nichts anderes, als eine… ich würde so weit gehen, es fast als eine Form von Betrug an der Öffentlichkeit.

Wenn der Herr Snowden eine Steuer-CD gehabt hätte, in der gestanden hätte, wer Steuergesetze bricht, hätten wir ihn zum Millionär gemacht. Er hat aber nur CDs oder Dokumente, die Verbrech… oder die ein Bruch von Menschenrechten anzeigen. Und dafür wird er in einem exterritorialen Gebiet isoliert, wie ein Virus, der ausbrechen könnte. Und jeder, der mit ihm in Berührung kommt, wird auch isoliert – siehe der Präsident, der festgehalten wird, auch im exterritorialen Gebiet. Das zeigt, dass hier eine absolute Systemkrise da ist, mit der wir offenbar politisch nicht umgehen können.

Nachdem was wir jetzt gelesen haben von Microsoft und anderen, dieses ‚ja wir mussten und wir konnten nicht anders‘, fragt man sich ja, dass was sie jetzt gesagt, hätten sie ja auch vorher sagen können. Sie hätten zum Beispiel durchaus ihren Kunden sagen können: Liebe Leute, wir müssen euch sagen, ohne es zu spezifizieren, wir sind zumindestens hart an der Grenze, Informationen an einen Geheimdienst weiterzugeben.

Wir reden hier davon, dass wahrscheinlich die Hälfte der Menschheit – und das mag manchen übertrieben klingen, aber es ist so – quantifiziert wird, abgehört wird, dass ihre Kommunikation in irgendeiner Weise durch Filter läuft.

Allein der Gedanke, dass Kommunikation von Kindern oder von Minderjährigen in und durch irgendwelche Geheimdienste läuft, ist so unerhört[?], ist so einzigartig, dass ich doch erwarte Aufklärung im Sinne, dass die Regierung sich hinstellt und sagt: ‚Ich will es selber wissen.‘

Wir wissen aus diesen Überwachungssystemen, dass sich nicht nur der überwachte Mensch verändert, also immer vorwegnimmt – das ist ja dieser Wahnsinn: Was könnte der über mich denken? Und das ist fast so wie ein Interview von Politikern, wenn ich das jetzt sage denkt der das und ich muss wieder… – sondern wer sich auch verändert ist der Überwacher. Der hat nämlich das Gefühl absoluter Macht, das ist so. Der, der im Glashaus sitzt, alle beobachtet, hat das Gefühl, er kann das Bewusstsein… und diese Mischung ist gefährlich.

Ranga Yogeshwar:

Wenn man mal aus der Perspektive von NSA sich die Welt anschaut, dann muss man sagen: Geheimdienste wollten immer irgendwo Daten sammeln. Aber in den letzten 10 Jahren – Facebook, YouTube, Sykpe, das ist alles nicht mal 10 Jahre alt – ist es so, dass plötzlich ein Füllhorn an Daten auf dem Tisch lag. Das ist so ein bisschen wie eine Tafel Schokolade mitten in einer Grundschulklasse, ja, und wenn der Lehrer rausgeht muss er sich nicht wundern, wenn die Kinder darüber herstürzen. Und diese Chance, sozusagen diesen Dauer-Hunger von Geheimdiensten zu befriedigen, die hat man einfach genutzt.

[zu Friedrichs Aussage, die Bürger müssten sich selbst schützen:]
Das wäre eine Kapitulation der Demokratie, denn wenn ich hingehen muss und als Einzelbürger dafür sorgen, dann sage ich, dann ist das dieselbe Denke wie Politiker sagen: ‚Okay, schaff dir eine Pistole an, weil die Polizei hilft dir nicht, du musst selber das Ding erledigen‘. Das ist falsch.

Aber wenn Al Gore immerhin sagt, ‚was wir im Moment haben ist ein Nährboden der möglichen Diktatur‘, und jeder von uns speziell in der deutschen Geschichte kann sich vorstellen, was hätte ein Hitler oder ein Nazi-Regime mit dieser Technik gemacht? Die Endlösung der Judenfrage wäre ein Frage von wenigen Tagen gewesen.

Constanze Kurz:

Was wir eigentlich gelernt haben ist, dass die Geheimdienste – sowohl die Briten wie auch die Amerikaner – wenig Unterschied machen: Die Briten haben den sogenannten Full Take Ansatz, das bedeutet sie nehmen einfach alles, was sie kriegen können. Und dadurch, dass die Briten ja auf ner Insel leben sind sie geographisch an den Seekabeln sehr gut gelegen. Ich denke, dass da wenig Unterschied gemacht wird, dass da nur noch die Kapazitäten der Speicher da ne Grenze setzten und da sehen wir grad das enorm ausgebaut wird.

Fragen wir uns ernsthaft, ob die amerikanische Regierung entgegen allem Recht ihn [Glenn Greenwald] irgendwie auf offener Straße erschießt? Ist das wirklich eine ernsthafte Frage, die wir uns heute stellen müssen? Wir müssen uns überlegen, was für ein Moloch an Geheimdiensten ist denn da entstanden, dass wir das wirklich fragen? Denn das war ne ernstgemeinte Frage und er hat sie ernstgemeint beantwortet. So wie wir seit Jahren hinnehmen, dass sie auf aller Welt irgendwelche Drohnen-Morde begehen.

Wir müssen dieses Nullsprech beenden. Dass wir Interviews haben, ohne Aussagen, oder solche, ja, sind ja Nicht-Aussagen, Nullsprech.

Gegen Machtmissbrauch, und es handelt hier sich ganz klar um Machtmissbrauch, hilft nur Transparenz. Und zwar auch bei uns. Bei den Amerikanern können wir das lange fordern. Bei den Briten hats niemand gefordert.

Diese Szene ist insgesamt sehr entlarvend, wie gutgläubig Beckmann ist:

Kurz: Wir müssen dieses Nullsprech beenden. Dass wir Interviews haben, ohne Aussagen, oder solche, ja, sind ja Nicht-Aussagen, Nullsprech.
Beckmann: Aber spricht ja für die Unsicherheit.
Schirrmacher und Leyendecker mehrmals: Nein.
Schirrmacher: Das ist Taktik.
Beckmann: Okay, das ist die eine Seite, aber die andere Seite ist die Unsicherheit, ist das Unwissen.
Schirrmacher: Da ist keine Unsicherheit.
Leyendecker: Das ist Provinzialismus auch, muss man sagen. Das ist nicht ne Mittelmacht, die sich bewegt.

Hans Leyendecker:

Er [Edward Snowden] hat uns Strukturen gezeigt, die unser Leben angehen. Also wenn man ihn mit der Geschichte vergleicht, kann man ihn mit Daniel Ellsberg im Vietnam-Krieg … das war auch so eine Figur, dadurch dass man damals die Pentagon-Papiere hatte. Es gab dann auch ne Wende ein Stück im Vietnam-Krieg. Und das, was er macht, ist, er macht uns auf etwas aufmerksam, was wir in Umrissen vielleicht mal gesehen haben. Aber jetzt sehen wir genau wie die Details sind. Und wir sagen: Da muss sich was ändern.

Nur dass diejenigen, die ihn [Edward Snowden] jagen, sagen, ‚was ist das für ein Schurke!‘, dass ihm dann nur noch ein Land bleibt, das auch ne Diktatur ist und wo es keine Pressefreiheit gibt: Das ist absurd!

Ein Superminister der dann ein Supergrundrecht so auch noch einfordert, der versteht auch den Ernst der Lage nicht. Ich glaub, das ist auch die geballte Hilflosigkeit der wir begegnen.

Eigentlich ist das ein Spionage-Angriff, den die Amerikaner auf dieses Land machen.

Aber jetzt ist die Frage, die Amerikaner starten nicht einen Spionage-Angriff auf eine Regierung sondern auf Bürger. Und wie gehen wir eigentlich damit um? Muss man nicht sagen, eigentlich wäre Snowden ein Kronzeuge für ein solches Verfahren und müsste auch hier geschützt werden? Nein, sondern, man macht dieses ‚es ist nicht mehr aufzuhalten‘ und ‚irgendwie dient es der Sicherheit‘.

Glenn Greenwald (deutsche Übersetzung so wie sie gesendet wurde):

[darüber, was noch kommen wird:]
Es gibt noch viele Programme, Spionage-Programme, die die Vereinigten Staaten laufen lassen, gegen das amerikanische Volk – darüber weiß das Volk nichts. Es gibt extreme Zusammenarbeit zwischen der NSA und Privat-Unternehmen wie Facebook, Google, Skype. Dann … diejenigen, mit denen alle kommunizieren, aus denen Berichte erzeugt werden, und dann Berichte darüber, was die Vereinigten Staaten weltweit tun, in Amerika, in Asien, sonstwo. Das zerstört das Privatleben weltweit, überall, wo Kommunikation stattfindet. Es gibt keine Kommunikation, ohne dass die Amerikaner es wissen.

Ich bin sicher, dass in den nächsten Tagen weitere Artikel auftauchen werden, die wahrscheinlich noch explosiver sind als die, die schon veröffentlicht sind. Das wird genau dieses Thema [die Weitergabe von NSA-Informationen an Dienste in anderen Ländern] beleuchten.

Man muss natürlich sehen, dass die Verfassung der Vereinigten Staaten eine freie Presse garantiert. Und es gibt einen großen politischen Rückschlag, wenn Präsident Obama versucht, der erste Präsident zu sein, der einen Journalisten dafür verfolgt, dass er Journalismus betreibt und das möglicher Weise nach dem Spionage-Gesetz. Er kann also keinen Krieg gegen die Informanten, die sogenannten Whistleblower, starten, die die Welt informieren und zeigen, was die Regierung uns antut.

6 Gedanken zu “Zitate aus der Beckmann-Sendung über PRISM

  1. Wow, klasse Arbeit. Also viel Arbeit, die Gespräche in Text zu verwandeln. Speech-to-text auf Video und dann nachbearbeitet?

    Auf jeden Fall war das eine ganz gute Sendung und es war wichtig, dass kein Politiker dabei war!

    • @Nonliner: Danke. :-D Das habe ich ohne Tool gemacht, also einfach angesehen und dann mit Pause und hin-/her-spulen mitgeschrieben und überprüft. Der Aufwand hält sich in Grenzen, ist halt nur etwas zeitaufwändig, gerade bei solchen langen Zitaten.

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