ver.di über Jobcenter

Neulich hat ver.di angesichts der Verhandlung wegen der Messer-Attacke in einem Jobcenter in Neuss vom letzten November ein paar gruselige Details rausgelassen:

  • Statistisch muss sich jeder Jobcenter-Mitarbeiter um 110 „Bedarfsgemeinschaften“ kümmern. Oftmal sind es aber 250 und mehr, wobei eine „Bedarfsgemeinschaft“ auch ein Haushalt mit mehreren Sozialhilfeempfängern sein kann (Stichwort Großfamilie). Folglich sind die Mitarbeiter überlastet.
  • Dass das Arbeitsamt nicht pünktlich zahlt ist wegen der Überlastung „die Regel“.
  • Die Jobcenter-Mitarbeiter haben teilweise nur befristete Arbeitsverträge, laut ver.di sollen es 1/3 sein, laut Bundesregierung 11,3 %. Nach zwei Jahren werden diese Verträge nicht verlängert.
  • Neue Jobcenter-Mitarbeiter brauchen ein Dreivierteiljahr, um sich einzuarbeiten.
  • Die Mitarbeiter können selbstverständlich nicht die ganzen Gesetze auswendig. Somit kommt es immer wieder zu konflikten, weil Sozialhilfeempfänger nicht so dumm sind wie es die Medien gerne darstellen und sich über ihre Rechte informieren.

Dazu kommt natürlich noch, dass die Jobcenter „die Endstation“ sind. Entsprechend gelaunt sind die „Kunden“, wie die „Arbeitsagentur“ sie nennt, dazu noch die obrigen Punkte. Es ist eigentlich erstaunlich, dass trotzdem so wenige Leute austicken. Zum Glück, muss man sagen.

Von ver.di gibt es auch zwei Seiten dazu, die leider vollkommen furchtbar sind und wohl noch aus den 1990er-Jahren stammen (Microsoft FrontPage, Frameset, Lauftext, aktuelle Neuigkeiten als PDF-Dateien(!)…):
verdi-jobcenter.de
verdi-wir-in-der-ba.de

ver.di fordert wegen der Messerattacke übrigens Sicherheitsschleusen in allen Arbeitsämtern, damit würde Begrabbeln und Nacktscanner dann endgültig massentauglich werden. Das kann irgendwie auch keine Lösung sein.

Unbezahlte Saisonkräfte

In den letzten Wochen haben sich alle darüber aufgeregt, dass Amazon ein Schlupfloch in unserem löchrigen Sozialgesetz nutzt, indem sie Arbeitslose für sechs Wochen lang als Saisonkräfte einstellen, davon zwei Wochen aber als Trainingsmaßnahme deklariert werden. Somit muss Amazon nur vier Wochen Lohn zahlen, weil die Leute in der Zeit der Trainingsmaßnahme vom Arbeitsamt bezahlt werden.

Und jetzt schaut euch mal diesen Tweet an:

Wg. der überraschenden Neuwahl im Saarland suchen wir noch eine Praktikantin/einen Praktikanten für Febr.-April. Mehr: bit.ly/ACxL45

Ich mag ja Abgeordnetenwatch und finde es klasse, was die dort machen. Aber wenn ihr euch die Stellenausschreibung anseht, dann lest ihr, dass sie einen Studenten in Hamburg suchen, der unentgeltlich eine 35-Stunden-Woche für 8-12 Wochen bei Abgeordnetenwatch absolviert. Das kann man also nicht mehr als Nebenjob bezeichnen.

Jetzt gibt es natürlich zwei Möglichkeiten: Die eine ist, dass Saisonkräfte, die (teilweise) nicht vom Unternehmen bezahlt werden, zum Standard gehören. Die andere ist, dass Abgeordnetenwatch noch viel böser als Amazon ist.

Klar, Abgeordnetenwatch ist nicht so gewinnorientiert wie Amazon, aber wenn bei Abgeordnetenwatch keiner mehr spendet würden die ihr Portal offline nehmen, insofern spielt dort Gewinn bzw. Kostendeckung auch eine nicht untergeordnete Rolle. Kann man ja auch nachvollziehen.