iShareGossip: Agenturmeldung statt Recherche

Erst vor kurzem hat Stefan Niggemeier gezeigt, dass die meisten Nachrichten auf den Nachrichtenseiten von Agenturen übernommen werden. So auch derzeit im Falle der Meldung, dass der Betreiber der Mobbingseite iShareGossip.com festgenommen worden sei.

Der Agenturtext dazu ist bei nahezu allen Nachrichtenseiten zu lesen, meist wie bei RP-Online und DerWesten nur ein kurzer Text. Der SPIEGEL hat immerhin bei der Polizei nachgefragt:

Die Lübecker Polizei bestätigte SPIEGEL ONLINE die vorläufige Festnahme eines Verdächtigen. Für weitere Auskünfte verwies die Behörde auf die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Diese war am Freitagmorgen nicht zu erreichen.

Unverständlich ist mir jedoch, warum es scheinbar kein Journalist schafft, die Internetseite von iShareGossip aufzurufen und im Blog mal nachzulesen, ob es dort etwas gibt. Da gibt es in der Tat etwas – nämlich ein Statement des restlichen iShareGossip-Teams. Da die Seite indiziert ist verlinke ich das besser mal nicht, aber gegen einen Screenshot von blog.isharegossip.com sollte nichts einzuwenden sein:

Dieses Statement wird nichtmal vom SPIEGEL, der ja suggeriert er hätte super recherchiert, angesprochen. Soviel Zeit war für die Recherche dann wohl doch nicht.

Auch nach Stefan Niggemeiers Kritik und der Debatte darum scheinen die meisten Nachrichtenseiten also weiterhin nur auf Agenturmeldungen zu setzen. Solange keine Agentur das Dementi von iShareGossip über den Ticker laufen lässt, wird es in den Medien vermutlich auch nicht erwähnt werden. Lediglich die IT-Nachrichtenseite Golem hat in einem Artikel von heute Morgen das Dementi erwähnt.

So funktioniert also der Journalismus im 21. Jahrhundert. Super. Einstellungsvoraussetzung ist übrigens in der Regel ein abgeschlossenes Journalistenstudium. Zum Nachrichten abschreiben. Yeah.

Übrigens: Auf das Dementi bin ich nur durch meine Neugier aufmerksam geworden, die wohl jeder hat, der sich fragt, ob es da eine Reaktion von anderen Teammitgliedern gibt.

Anmerkung:
Während dem Schreiben des Artikels kündigte DerWesten auf meine Nachfrage an, sich das nochmal anzugucken. Wenig später kam die Meldung, dass Manuel T. ein „Trittbrettfahrer“ sei, in dem Zusammenhang wird nun auch das Dementi erwähnt.