Denn sie wissen nicht, was sie tun…

Diejenigen, die sich darüber empört haben wie wenig der Spitzenkandidat der Piratenpartei zur Abgeordnetenhauswahl in Berlin über den Schuldenstand der Stadt wusste („viele Millionen Euro“), sollten sich mal bei Panorama ansehen, wie wenig Bundestagsabgeordnete(!) über den EU-Rettungsschirm wissen, über den sie abgestimmt haben. Einige haben da nichtmal geschätzt.

Volker Pispers zur Abgeordnetenwahl in Berlin

Kabarettist Volker Pispers hat sich mal die Abgeordnetenwahl in Berlin angesehen und darüber gestern bei WDR2 gesprochen. Das kann man sich als Podcast runterladen (MP3, 1,3 MB) oder bei YouTube ansehen:

http://www.youtube.com/watch?v=kXZEZkIWYqU

Und bevor die Sachen verschwinden habe ich ein Transkript gemacht, so wie damals zum Parteitag der Piratenpartei. Los geht’s:

Jetzt sagen Sie nicht, es ist schon wieder Dienstag. Wann bin ich jemals so gerne eines besseren belehrt worden? Bis zuletzt hatte ich befürchtet, dass sich die primitiv-populistische anti-europäische Stimmungsmache der FDP bei der Wahl in Berlin auszahlen könnte. Aber die haben da derart überlegt und emanzipiert die Wahlzettel bekritzelt, dass ich wieder weiß, warum der Wähler souverän genannt wird. Wenn von fast 2,5 Millionen Wahlberechtigten nur noch knapp 27 tausend bereit sind, ihr Kreuz bei der FDP zu machen, muss man sich seiner Freudentränen nicht schämen. Und nein, es ist keine Schadenfreude, es ist die reine Freude darüber, dass dem Souveränen am Ende doch noch nicht alles egal ist. Am Ende will er sich doch nicht von einem Stabsarzt die Wirtschaft erklären lassen. Die Partei der Abzocker, die uns seit Jahren weiß zu machen versucht, es ginge dem Staat dann am Besten, wenn die Reichen möglichst wenig Steuern zahlen, hat in Berlin gerade mal 5 tausend Stimmen mehr geholt als die Tierschutz-Partei. Und behaupten Sie nicht, Sie wären auf diesen meterlangen Wahlzetteln schonmal soweit vorgedrungen, dass Sie wüssten, dass es die wirklich gibt. Philip Rösler versprach zu liefern und er hat Wort gehalten, er hat geliefert, und zwar seine Partei ans Messer. Und kein Westerwelle weit und breit, dem man das Desaster in die Schuhe schieben kann. Jetzt muss Angela Merkel mit einem Koalitionspartner leben, der klinisch tot ist, aber wie ein Huhn, dem man den Kopf schon abgeschlagen hat, flügelschlagend umherirrt. Auf die Frage nach den Auswirkungen der Beliner Wahl auf die schwarz-gelbe Koalition im Bund hat sie prompt gesagt: Wir werden die Regierungsarbeit weiter mit der FDP erledigen. Ehrlicher wäre gewesen zu sagen: Wir werden weiter mit der Regierungsarbeit die FDP erledigen. Aber der Berliner Souverän hatte noch mehr in Petto: Dem Salon-Löwen Wowereit wurden die Zähne gezogen. Die Linkspartei, die in Berlin 10 Jahre lang Geräusch- und Zahnlos mitregiert hat, hat in dieser Zeit die Hälfte ihrer Wähler verloren und den Grünen, die längst versuchen sich als eine Art sympathische FDP zu positionieren, die wenn sich die Chance bietet auch mit der CDU koalieren würde, wurden die Piraten auf den Hals gehetzt. Es wird lustig sein zu hören, wie Trittin und Künast den Piraten jetzt all das vorwerfen, was sie sich selber anhören mussten, als sie noch eine echte politische Alternative waren. Die CDU darf sich über Gewinne freuen, und muss doch damit leben, dass 70 Prozent der Stimmen links von ihr gelandet sind. Selten wurde so elegant und differenziert gewählt, da kann man nur ausrufen: Ick bin ein Berliner. Bis neulich.

Wahrlich eine gute Analyse. :-)

Bullshit-Bingo zum Wahlerfolg der Piratenpartei

Die Piraten in Berlin haben laut ersten Prognosen ca. 9% geholt. Glückwunsch! Ich bin gespannt, ob die Piraten sich bei der „echten Politik“ jetzt bewähren können.

Morgen werden sicherlich viele Zeitungen einen Leitartikel über den großen Wahlsieg der Piratenpartei schreiben und daher gibt es hier ein Leitartikel-Bullshit-Bingo:

Unter diesem Link kann man die Sortierung auch ändern (auch nach mehrmaligen Refreshen) und überhaupt kann man mit diesem Generator seine eigene Bullshit-Bingo-Karte machen.

(via @sixtus)

Neulich in der FDP-Wahlzentrale

Zwei FDPler brüten darüber, wie sie Stimmen kriegen können:

A: „Hey, wir brauchen stimmen, die Umfragewerte sehen schlecht aus!“
B: „Hm, wie schaffen die anderen Parteien das denn?“
A: „Die CDU, die bauen immer erst ein Horrorszenario auf, und kriegen dann Stimmen indem sie Sicherheit versprechen. Erinnere dich an Zensursula, das war doch super! Oder der Dauerbrenner Terrorismus, der zieht auch immer!“
B: „Dann lass uns das doch jetzt auch machen!“
A: „Und wie?“
B: „Na, da gab es doch eben erst die Krawalle in England und jetzt zünden die hier in Berlin wieder Autos an, das ist doch eine wunderbare Steilvorlage, oder?!“
A: „Stimmt! Und die Besserverdiener, die uns wählen, wollen ja auch nicht dass ihre schicken BMWs brennen. Super, so machen wir das!“

Das Ergebnis:

Das Gespräch ist natürlich erfunden, das Foto aber tatsächlich real. Der Schmidtlepp hat auch schon einen tollen Remix draus gemacht.

(Und ja, grundsätzlich hat die FDP ja recht, dass es mehr Polizei geben sollte. Aber nicht wegen Angst vor Krawallen, sondern damit nicht noch mehr CCTV-Kameras aufgebaut werden, bloß weil Stellen nicht mehr neu besetzt werden, damit beim Haushalt gespart werden kann. Das FDP-Plakat ist allerdings absolut bescheuert.)

(via @Schmidtlepp, Foto via FDP @ Facebook)