Presserat-Beschwerde gegen den SPIEGEL

Jemand hat eine Presserat-Beschwerde gegen den SPIEGEL eingereicht. Weil:

Meiner Ansicht nach verstoßen seine Artikel, die sich auf die von Wikileaks dem Spiegel zur Verfügung gestellten 251 287 Depeschen des U.S. State Department beziehen, gegen die Richtlinie 1.1 des Presserat-Kodex’.

[…]

Für den deutschsprachigen Raum verfügt “Der Spiegel” über einen exklusiven Zugang zu dem Gesamtpool der Depeschen. Andere Redaktionen und freie Journalisten können mangels Zugang die Depeschen nicht nach eigenen Kriterien erschließen und sich kein eigenes Bild verschaffen. “Der Spiegel” ist somit in der Lage über einen langen Zeitraum hinweg Agenda-Setting zu betreiben.

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Ich weiß gar nicht, was man dazu sagen soll. Auch wenn der SPIEGEL weitaus schlechter abschneidet in der WikiLeaks-Berichterstattung als der Guardian, so muss ich doch sagen, dass ich froh bin das der SPIEGEL das in Deutschland macht. Man stelle sich mal vor, die BILD würde die Depeschen präsentieren, was für eine Horrorvorstellung.

Außerdem – das ist das fatale – denkt die Presse, das nur weil der SPIEGEL die Depeschen redaktionell aufarbeitet, sie das selbst nicht mehr tun müssen. Doch, liebe Presse: Lest euch alle verfügbaren Depeschen durch, prüft, ob der SPIEGEL die Sachen auch richtig darstellt! Und vorallem: Berichtet über das, was der SPIEGEL nicht bringt. Der SPIEGEL ist definitiv nicht da, um euch die Arbeit abzunehmen! Der Zeitvorsprung ist dabei irrelevant, im Januar könnte z.B. die ZEIT immernoch eine WikiLeaks-Depeschen-Sonderausgabe rausbringen, in der Sachen beleuchtet werden die der SPIEGEL nicht berichtet hat.

Zudem dürften freie Journalisten nichtmal ansatzweise soviel Zeit haben, um schon jetzt die bisherigen 1.344 Depeschen allesamt durchgelesen und redaktionell verarbeitet zu haben. Wären die über 25.000 Depeschen also alle online, wäre das nicht hilfreicher.

Aber die Reaktion ist auch mal wieder typisch deutsch: Sich beim Presserat beschweren aber selbst gegen das TMG verstoßen. An Recht und Ordnung müssen halt nur andere denken. Jetzt weiß ich auch wieder, warum Blogs so verrufen sind. :-)