Amazon-Doku: Heuchlerische Buchbranche und Konsum

Am Mittwoch, dem 13. Februar, hat die ARD eine Dokumentation über Amazon gezeigt. Darin zu sehen: Amazon beschäftigt zur Weihnachtssaison massig Ausländer als Leiharbeiter. Drei Monate lang arbeiten sie, ohne Kündigungssschutz und mit höherem Verdienst angelockt als es hinterher im Vertrag steht.

Die Leiharbeiter werden in Ferienbungalows untergebracht, in denen private Sicherheitsfirmen die Leiharbeiter wie auch die Zimmer kontrollieren und überwachen. Im Film wird eine Security-Firma mit Thor Steinar-Kleidung gezeigt.

Die Doku ist natürlich Wasser auf den Mühlen derer, die Amazon generell ablehnend gegenüberstehen. Allen voran die Buchbranche: Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat seit der Ausstrahlung satte eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Artikel zum Thema veröffentlicht – einen am 14., die anderen fünf vorgestern am 15. Februar. Ein kleiner unbekannter Verlag kündigt bei Amazon, „DAS SYNDIKAT“ (wir erinnern uns, das waren die verrückten Krimi-Autoren mit der Anonymous-Maske in der Urhebrrechtsdebatte letztes Jahr) schreiben einen offenen Brief, ansonsten werden Experten befragt.
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ver.di über Jobcenter

Neulich hat ver.di angesichts der Verhandlung wegen der Messer-Attacke in einem Jobcenter in Neuss vom letzten November ein paar gruselige Details rausgelassen:

  • Statistisch muss sich jeder Jobcenter-Mitarbeiter um 110 „Bedarfsgemeinschaften“ kümmern. Oftmal sind es aber 250 und mehr, wobei eine „Bedarfsgemeinschaft“ auch ein Haushalt mit mehreren Sozialhilfeempfängern sein kann (Stichwort Großfamilie). Folglich sind die Mitarbeiter überlastet.
  • Dass das Arbeitsamt nicht pünktlich zahlt ist wegen der Überlastung „die Regel“.
  • Die Jobcenter-Mitarbeiter haben teilweise nur befristete Arbeitsverträge, laut ver.di sollen es 1/3 sein, laut Bundesregierung 11,3 %. Nach zwei Jahren werden diese Verträge nicht verlängert.
  • Neue Jobcenter-Mitarbeiter brauchen ein Dreivierteiljahr, um sich einzuarbeiten.
  • Die Mitarbeiter können selbstverständlich nicht die ganzen Gesetze auswendig. Somit kommt es immer wieder zu konflikten, weil Sozialhilfeempfänger nicht so dumm sind wie es die Medien gerne darstellen und sich über ihre Rechte informieren.

Dazu kommt natürlich noch, dass die Jobcenter „die Endstation“ sind. Entsprechend gelaunt sind die „Kunden“, wie die „Arbeitsagentur“ sie nennt, dazu noch die obrigen Punkte. Es ist eigentlich erstaunlich, dass trotzdem so wenige Leute austicken. Zum Glück, muss man sagen.

Von ver.di gibt es auch zwei Seiten dazu, die leider vollkommen furchtbar sind und wohl noch aus den 1990er-Jahren stammen (Microsoft FrontPage, Frameset, Lauftext, aktuelle Neuigkeiten als PDF-Dateien(!)…):
verdi-jobcenter.de
verdi-wir-in-der-ba.de

ver.di fordert wegen der Messerattacke übrigens Sicherheitsschleusen in allen Arbeitsämtern, damit würde Begrabbeln und Nacktscanner dann endgültig massentauglich werden. Das kann irgendwie auch keine Lösung sein.

Interessante Idee: Blogger-Streik

Zugegeben, bei BasicThinking gibt es meistens nur noch Tech-Zeug und Startup-Zeug, weshalb ich den Feed auch oft überspringe. Eine Perle jedoch hat Jürgen Vielmeier gestern veröffentlicht: „Wenn Blogger streiken würden“. Es geht um die Frage, was passieren würde, wenn Blogger streiken würden. Angelehnt ist die Frage an den derzeitigen Streik der Journalisten im Tarifstreit des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) gegen die Tageszeitungen.

Auf beiden Seiten gibt es interessante Argumente, daher lest euch den Beitrag bei BasicThinking mal durch.

Was noch fehlt und exentiell wichtig ist: Wer beim DJV oder bei ver.di Mitglied ist, erhält in der Streikzeit ein „Streikgeld“ aus einem Solidaritäts-Fonds (welcher wiederum durch die Mitgliedsbeiträge gefüllt wird). Wer also streikt, erhält trotzdem ein bisschen Geld (ver.di hat dazu einen Streikgeldrechner). Soetwas gibt es bei Bloggern gar nicht, weil wir Blogger uns immernoch nicht organisiert haben. Das wundert mich auch nicht, denn wer würde schon freiwillig einen Blogger-Verband gründen wollen, der beim Start wahrscheinlich direkt von jedem zweiten Blog verrissen und für blöd erklärt wird? (Man erinnere sich nur an die massive Kritik an „Digitale Gesellschaft“.)

Hier ist der Journalismus uns um einiges voraus. Ich weiß gar nicht, ob der DJV oder die Freischreiber auch Blogger (welche nicht in „traditionellen“ Medien veröffentlichen) aufnehmen, aber ich glaube da sieht es eher schlecht aus. Und selbst wenn so sind Blogger eben doch ganz anders als freie Journalisten, eben weil sie meistens keine bezahlten Artikel schreiben und gar keine Tarifverträge haben (mit wem auch, mit sich selbst?). Insofern bräuchten Blogger eine eigene Vereinigung, doch natürlich ist es schwer, eine solche aufzubauen und damit dem Großteil der Blogosphäre gerecht zu werden.

Fazit: Blogger können gar nicht streiken, denn das bedeutet 100%tiger „Verdienst“-Ausfall (Traffic, Leser, Werbekunden nehmen evtl. Abstand usw.). Außerdem gibt es ja auch noch viele Hobby-Blogger, die seltener bloggen, weil sie das Blog nur als Hobby ansehen und noch eine Menge anderer Dinge machen, denen ist Bezahlung meistens ohnehin egal (was per se auch nicht schlecht ist).

Übrigens, die streikenden Journalisten bloggen auch. Irgendwie ist die Grenze zwischen Bloggern und Journalisten also doch nicht so groß. ;-)

Weitere Informationen zu den Streiks gibt es hier bei ver.di.